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Robocar, Roborace, Formel E
Von: ANGUS FRAZER (Text), ROBERT GRISCHEK (Fotos) >> 13. April 2018

Rennen der Roboter

Roborace, die erste Rennserie für autonome Fahrzeuge, ist mehr als die Präsentation modernster Digitaltechnik. Sie öffnet ein Fenster in die Zukunft des Automobils.

Denis Sverdlov hat eine Vision: Zehn Autos nehmen ihre Position in der Startaufstellung ein. Die Ampel springt auf Grün. Fünf der Wagen rasen im Uhrzeigersinn los, die anderen entgegengesetzt. Sie beschleunigen elektrisch betrieben auf bis zu 320 km/h, bevor sie sich auf halber Strecke in einer Kurve treffen. Frontal fünf gegen fünf. Doch der Massencrash bleibt aus. Die Boliden weichen einander mit einem Abstand von nur wenigen Millimetern aus.

Die Rennwagen fahren autonom, ohne Mensch am Steuer

Dafür, dass diese Vision einmal Realität wird, hat der russische Unternehmer über seine Firma Kinetik Millionen investiert und Roborace in Banbury gegründet – der Ort liegt 120 Kilometer nordwestlich von London. Roborace soll die erste internationale Meisterschaft für autonom fahrende Rennwagen ausrichten und ist als Support-Serie der FIA-Formel-E-Rennserie gedacht. Die Rennen sind so angelegt, dass Roborace die Fahrzeuge stellt und die Teams sie mit jeweils eigener Software steuern.

Wird das also eine Meisterschaft der Programmierer? Der Brite Bryn Balcombe, Chief Strategy Officer bei Roborace, verneint das. „Roborace stellt man sich am besten als eine Fahrerwertung vor, obwohl es hier natürlich keine Fahrer gibt. Die Qualität der Software wird über den Erfolg bestimmen, die künstliche Intelligenz (KI) macht den Unterschied, insbesondere wenn alle Robocars identisch sind.“ Durch die KI, da ist sich Balcombe sicher, werden unterschiedliche Fahrstile entstehen. „Die Software performt nicht identisch, da hier maschinelles Lernen eine Rolle spielt. Auch wir Menschen haben unterschiedliche Fahrstile, obwohl für uns alle dieselben Regeln gelten – und das wird bei den KI-Autos nicht anders sein. Ich glaube, die Markenpersönlichkeit der Automobilhersteller wird sich weit über Formgebung und Design hinaus erweitern.“

Robocar, Roborace
Audi Produktoffensive

Das Engagement von Audi in der Formel E gilt auch als Vorbote der Audi Produktoffensive im Bereich der Elektromobilität, die 2018 eingeläutet wird. Wie auf der IAA 2017 angekündigt, plant Audi, im Jahr 2025 mehr als 20 elektrische Modelle im Programm zu haben, darunter Plug-in-Hybride und rein elektrische Autos.

Mehr Informationen finden sie unter audi.de/e-tron

Erster Eindruck: Das Robocar auf der Teststrecke

Teaser: Roborace-Testfahrt
„Warum sollten wir uns
vom Motorsport abwenden,
nur weil Wagen mit
künstlicher Intelligenz
schneller fahren als
konventionelle Rennwagen?”
Lucas di Grassi, amtierender Formel-E-Champion
Lucas di Grassi, Formel-E-Rennfahrer, CEO von Roborace
Lucas di Grassi ist amtierender Formel-E-Weltmeister und seit 2017 CEO von Roborace.
Fußball-Wettbewerb von Robotern
Bereits seit 20 Jahren tragen Roboter einen Fußballwettbewerb aus.© Foto Getty Images
Audi Produktion, Mensch-Roboter-Kooperation
In der Automobilproduktion kommen Roboter schon lange zum Einsatz.

„Das Robocar kann einen durchschnittlichen Fahrer problemlos schlagen.“

Eigentlich sollten Menschen wie Lucas di Grassi angesichts einer derart autonomen Autowelt erschrecken – der Brasilianer verdient seinen Lebensunterhalt als Rennfahrer. Doch di Grassi, Audi Fahrer in der Formel E und amtierender Weltmeister, hat keine Berührungsängste beim Thema autonomes Fahren, im Gegenteil. Er nahm den Posten des Chief Executive Officer bei Roborace an und sagt: „Unsere Firma wird niemals den Motorsport ersetzen, so wie niemand mit dem Schachspielen aufgehört hat, nur weil 1997 der Supercomputer Deep Blue Garri Kasparow in New York schlug. Also warum sollten wir uns vom Motorsport abwenden, nur weil Wagen mit künstlicher Intelligenz schneller fahren als konventionelle Rennwagen?“ Aber wird es wirklich so weit kommen? „Es ist bereits geschehen“, weiß di Grassi, „aktuell kann das Robocar einen durchschnittlichen Fahrer problemlos schlagen. Die Herausforderung ist jetzt, besser als ein Profi-Rennfahrer zu werden.“

Doch bei allem sportlichen Ehrgeiz betont di Grassi, dass Roborace auch helfen wird, die Welt sicherer zu machen. „Der Technik sind keinerlei Grenzen gesetzt, und das Wunderbare daran ist, dass bei ihrer Entwicklung keine Menschenleben aufs Spiel gesetzt werden.“ Di Grassi weiß, wovon er spricht: In der ersten Qualifying-Runde zum GT World Cup 2017 in Macau wurde er in seinem Audi R8 in eine Massenkarambolage mit zwölf Autos verwickelt. Mithilfe vernetzter Technologie, bei der die Wagen untereinander und mit ihrem Umfeld kommunizieren, könnten solche Unfälle in Zukunft möglicherweise vermieden werden.

Bis aber die Menschheit die Vorteile autonomer Maschinen nutzen kann, werden noch viele Arbeitsstunden erforderlich sein, weiß Teena Gade, Fahrzeugtechnik-Ingenieurin bei Roborace. „Wenn KI-Autos für den Straßenverkehr zugelassen werden, wird die Mehrheit der anderen Fahrzeuge immer noch von Menschen gesteuert. Die werden es morgens im Berufsverkehr nicht langsamer angehen lassen, nur um das autonome Fahrzeug rücksichtsvoll in den Kreisverkehr einbiegen zu lassen. Wir werden das KI-Auto so trainieren müssen, dass es im Verkehr zügig mitschwimmt und bildlich gesprochen vielleicht sogar die Ellbogen etwas ausfährt.“

Zahlen und Daten zum Robocar

kW
0
Leistung
kg
0
Gewicht
km/h
0
Topspeed

Racing-Vlog: Formel E-Fahrer Daniel Abt besucht vor dem E-Prix 2017 von Monaco die Roborace-Box

Technologische Innovationen im Robocar

Wenn es jemals ein Auto gab, das gestalterisch seine Ellbogen ausgefahren hat, ist es das fantastische Robocar. Gezeichnet wurde es von dem in Kalifornien ansässigen Designer Daniel Simon. Er arbeitete schon für eine Vielzahl von Automobilunternehmen, unter anderem Audi und Bugatti, und gestaltete auch Zukunftsfahrzeuge für Hollywood-Kinofilme wie „Tron: Legacy“, „Oblivion“ und „Star Wars VIII“. Dieser Science-Fiction-Einfluss ist im Robocar eindeutig erkennbar. Es strahlt pure Kraft und eine nahezu außerirdische Intelligenz aus.

„Seit über hundert Jahren sitzen Menschen hinter dem Autolenkrad“, erklärt Simon. „Deshalb ist es wichtig, dass das Robocar eine Emotion auslöst.“ Doch nicht nur das Design ist beeindruckend, sondern auch die Technologie. Zu den Highlights zählt sein innovatives Carbonfaser-Monocoque mit Rennwagenaufhängung. Die Batterie entwickelt eine Spitzenleistung von bis zu 655 kW (fast 900 PS). Bei einem Gewicht von rund 1.000 Kilogramm ermöglicht das etwa 300 km/h Topspeed. An allen vier Rädern befindet sich ein Elektromotor, um den Torque-Vectoring-Effekt für mehr Grip und verbesserte Stabilität zu gewährleisten. Das System ist vergleichbar mit der e-quattro Technologie, die Audi in den letzten Jahren entwickelt hat. Das Robocar kann ein variables Drehmoment von bis zu 300 Nm an jedem Rad entfalten, was ihm zu einer Rundenzeit verhilft, die derzeit zwei Sekunden schneller ist als die eines Formel-E-Rennwagens. Noch sind die Arbeiten am Robocar nicht abgeschlossen. Die Hardware steht kurz vor der Vollendung, die Software stellt weiterhin eine Herausforderung dar.

„Wir sind von Kameras, GPS-, Lidar- und Ultraschall-Sensoren abhängig, von denen ständig neue Modelle auf den Markt kommen“, berichtet Bryn Balcombe. Wenn das Team jedoch beobachten kann, wie das Auto mit Vollgas auf der Flugplatz-Teststrecke Upper Heyford unterwegs ist, sind viele Mühen vergessen: „Das Robocar mit 200 km/h autonom fahren zu sehen“, begeistert sich Balcombe, „das ist einfach der Wahnsinn!“

Designer des Robocars Daniel Simon
Der Designer des Robocars: Daniel Simon
Audi in der Formel E

Audi tritt in dieser Saison als erster deutscher Automobilhersteller in der Formel E an (in dessen Rahmenprogramm das Roborace stattfindet). Die Marke mit den vier Ringen übernimmt den Startplatz vom Rennstall ABT Sportsline. Das Team aus dem Allgäu ist seit Gründung der Elektro-Rennserie erfolgreich in der Formel E präsent und betreut künftig als Einsatzteam die Audi Rennwagen. Audi Sport ABT Schaeffler startete Anfang Dezember 2017 in Hongkong in die vierte Saison der Formel E. Den Titel 2016/2017 sicherte sich Audi Pilot Lucas di Grassi. Renntermine: 28.4. Paris (F), 19.5. Berlin (D), 10.6. Zürich (CH) und 14./15.7. New York (USA).

Mehr Informationen finden Sie unter fiaformulae.com

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