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DJane und Musikproduzentin Nina Kraviz
Von: JAN SCHLÜTER (Text), RYUYA AMAO (Fotos) >> 29. März 2018

Bis zum Ende der Nacht

Sie gilt als eine der interessantesten Künstlerinnen der internationalen Club- und Technoszene. Nina Kraviz ist Produzentin, Sängerin und DJane und begeistert mit der universellen Sprache ihrer Musik weltweit die Massen.

Nina Kraviz ist schwer zu fassen, permanent unterwegs, ein persönliches Treffen ist utopisch, es müsste wohl in einem Langstreckenflieger oder einer Flughafen-Lounge stattfinden. So sitzt Nina Kraviz zu unserem Skype-Interview in einer Hotellobby in San José, Costa Rica. Sie wirkt ausgeschlafen, obwohl sie vor 24 Stunden noch im New Yorker Club TBA aufgelegt hat. Die gebürtige Russin gehört zu den wenigen internationalen weiblichen DJ-Superstars. Seit einigen Jahren ist sie der bekannteste und gefragteste weibliche DJ, der rund um den Globus vor Zehntausenden auftritt: beim Coachella Festival in Kalifornien, einem der weltweit größten Musikfestivals, oder dem feinen Montreux Jazz Festival, beim Flow Festival in Helsinki und bei einer der größten Open-Air­Veranstaltungen für elektronische Tanzmusik, dem SonneMondSterne in Thüringen an der Bleilochtalsperre. Doch Nina Kraviz legt nicht nur Platten auf, sie singt auch bei ihren eigenen Musikproduktionen und betreibt zwei eigene Schallplattenlabels: трип (Trip) und Galaxiid. Ihr Klang ist ungeschliffen, energetisch, variantenreich, jenseits des gängigen „Common Sense“-Open-Air-Techno, keine ganz leichte Kost – und dennoch weltweit erfolgreich. Mittlerweile absolviert die Mittdreißigerin manchmal sogar drei Auftritte an einem Abend.

Was macht für Sie die Faszination aus, so vielen Menschen Ihre Musik bei Live-Auftritten zu präsentieren?

Natürlich ist es mir wichtig, meine musikalische Idee rüberzubringen. Die eigentliche Kunst und die größte kreative Herausforderung ist aber die Interaktion mit dem Publikum. Es geht darum, die tanzende Masse abzuholen, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen und zu behalten. Bis zum Ende der Nacht.

Interaktion und Kommunikation, der menschliche Faktor – dabei spricht alles von Digitalisierung und technischen Innovationen, gerade in Ihrem Genre.

Die Technologie bietet uns viele neue Möglichkeiten im Produktionsprozess und beim Spielen von Musik vor Live-Publikum. Aber die Musik hat die Digitalisierung nicht erneuert. In den letzten Jahren klingt neue Musik vor allem lauter und lärmiger, noch verstärkter und komprimierter. Zudem werden die Soundsysteme in den Clubs immer leistungsstärker. Ich kann auch nicht sagen, warum das so ist. Aber ich stelle fest, dass Musik sich über eine län­gere Periode immer weiter reduziert und optimiert hat. Der Minimalismus und die Effektivität von elektronischer Musik sind wahrscheinlich die aktuellsten Innovationen.

Manche Musiker in der Elektroszene experimentieren sogar mit künstlicher Intelligenz, Software-Programmen, die selbstständig neue Sounds generieren. Was halten Sie davon?

Bei Musikproduktionen im Studio kommt künstliche Intelligenz tatsächlich schon zum Einsatz. Aber als Unterstützung beim DJ-Auftritt kann ich mir sie nicht vorstellen. Ich habe nichts gegen künstliche Intelligenz, solange sie nicht meine künstlerischen Werte wie Emotion, Verletzlichkeit und meine Leidenschaft für Musik berührt. Die Unvorhersehbarkeit und Spontanität beim Musikmachen und Auflegen dürfen nicht verloren gehen.

DJane Nina Kraviz
Nina Kraviz im Social Web

Ihre Online-Aktivitäten haben Nina Kraviz beeindruckende Follower-Zahlen auf Facebook und Instagram eingebracht. Die aufgezeichneten DJ-Sets erreichen bei YouTube locker die Fünf-Millionen-Zuschauermarke.

Hier hören: Nina Kraviz' Album „The Remixxes“

„Wie Musik klingen wird,
hängt immer davon ab,
wer sie komponiert,
wie, für wen und wo
sie dann aufgeführt wird.”
Nina Kraviz

In vielen Situationen kann die Technik uns Menschen helfen und unterstützen. Mittlerweile gilt das auch für kreative Prozesse.

Das einzige Problem in Hinblick auf kreative Prozesse ist doch, wenn zu wenig Kreativität vorhanden ist. Und da können technische Hilfsmittel mit Sicherheit keine Unterstützung bieten. Wahrscheinlich machen sie die ganze Sache letztlich nur noch schlimmer, weil man sich immer weniger anstrengen muss, um seine eigene Kreativität zu fördern.

Ihre DJ-Sets spielen Sie ohne jedwede technische Unterstützung.

Ich habe nie DJ-Programme benutzt, das geht strikt gegen meine Idee vom Auflegen. Zur Frage, die viele DJs umtreibt, Vinyl oder CDs für den Auftritt zu verwenden, habe ich auch eine klare Antwort – beides. Die Wahl des Formats beeinflusst direkt mein Auflegen. Es hat eine Menge mit der Geschwindigkeit zu tun, mit der ich eine Entscheidung treffen kann. Außerdem beeinflusst es, was ich als Nächstes spiele, und natürlich hängt es mit dem technischen Vorgang des Mixens der Musik zusammen. Und auch damit, wie ich Musik wahrnehme und mir merke.

Wohin entwickelt sich die Musik der Zukunft und die Art, wie wir Musik hören, sie konsumieren?

Wie Musik klingen wird, hängt immer davon ab, wer sie komponiert, wie, für wen und wo sie dann aufgeführt wird. Ich glaube, Menschen hören Musik heute anders als vor 30 Jahren. David Byrne sagte einmal: „Musik wird für den Ort gemacht, an dem sie gehört wird.“ Ich kann dem nur zustimmen. Vor 20 Jahren wurde Musik für kleine Clubs gemacht, die oft einen schlechten Sound, also keine gute Anlage hatten. Heute wird Techno-Musik für Festivals mit 20.000 Besuchern produziert, die eine Beschallung auf höchstem Niveau genießen können. Dieselbe Analogie gilt für das Hören und Wahrnehmen von Musik. Studien zeigen, dass Dank des technologischen Fortschritts Menschen heutzutage eine leicht veränderte Gehirnstruktur haben als vor 10 oder 20 Jahren. Ich nehme an, dass diese „neuen“ Gehirne Musik anders wahrnehmen und sich die Musik deswegen an die neuen Gegebenheiten anpassen wird.

Es heißt, Sie haben in Ihrer Jugend über das Radio, ein wahres Old-School-Medium, Ihre Lieblingsmusik entdeckt.

Ja, das stimmt. Dank einer DJ-Show im Radio entdeckte ich Techno und elektronische Musik. Ich liebe Radio auch heute noch und war 2016 Gastgeberin einer eigenen Show bei BBC Radio 1. Das Medium Radio ist eine super Alternative, um Musik zu spielen, denn man sieht seine Zuhörer nicht. Das ändert die Art, wie ein Künstler seine kreative Energie rüberbringt. Ich kann dabei etwas erzählen, und es hat etwas Meditatives, seine eigene Stimme im Kopfhörer zu hören und sich vorzustellen, zu wem man gerade spricht. Ich nehme gern Einladungen von Radiosendern an, live on air zu gastieren, zum Beispiel habe ich schon DJ-Sets live gespielt.

DJane und Musikproduzentin Nina Kraviz

Im Rahmen der Audi Kulturförderung wirkte Nina Kraviz 2016 an einer Techno-Version des „Parsifal“ von Richard Wagner unter dem Titel „Black Mountain“ mit.

Nina Kraviz im Audi Zeitgeist Projekt „Black Mountain“
DJane une Musikproduzentin Nina Kraviz

Das Leben eines Star-DJs bringt zwangsläufig mit sich, dass Sie permanent zwischen den Metropolen und Party-Locations dieser Welt hin und her jetten. Ist das auf Dauer nicht sehr strapaziös?

Ach, ich genieße das Reisen. Es war schon immer der wichtigste Teil meines Lebens, schon vor meiner Musikkarriere. Reisen heißt Neues kennenlernen. Es bedeutet, jedes neue Detail, das sich verändert, zu beobachten. Reisen ist für mich nach wie vor etwas Wundersames. Es erstaunt mich immer wieder, dass man in nur wenigen Stunden halb um die Erde fliegen kann und man sich in einer komplett anderen Kultur wiederfindet. Mit einer anderen Zeitzone, einer fremden Sprache, aber auch komplett anderen Mentalitäten und Gefühlswelten. Und dieser sensationelle Gedanke, Teil der Welt zu sein und zu spüren, dass alles miteinander verbunden ist. Ich denke oft, es ist ein Privileg, viel zu reisen, denn nicht jeder kann das tun. Manchmal werde ich sehr emotional, wenn ich daran denke, wie wunderschön unsere Welt ist. Besonders wenn ich tagsüber reise, schaue ich mir immer die Landschaft an, in der ich unterwegs bin. Ich mag es, wenn ich erkenne, wo ich mich gerade befinde. Ich erinnere mich noch, als ich einmal zurück von Japan über Sibirien geflogen bin und diesen im Sonnenlicht glänzenden breiten Fluss sah. Als ich auf der Karte nachschaute, war es die Lena. Ein mehr als viertausend Kilometer langer Fluss, der bis in die Arktis führt. Als ich diesen Fluss aus dem Flugzeug gesehen habe, habe ich mich gefreut wie ein kleines Kind.

Steckbrief: Nina Kraviz

Geburtsort
Irkutsk (RUS)
Debütalbum
Nina Kraviz (2012)
Gelernter Beruf
Zahnärztin
Genres
Minimal Techno, Deep House

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