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Villa der Künstler Lari Pittmann und Roy Dowell in Los Angeles
Von: NIKLAS MAAK (Text), IWAN BAAN (Fotos) >> 15. März 2018

Häuser für ein neues Leben

Aufregende Privathäuser, aber vor allem innovative und hochwertige Projekte für sozial benachteiligte Menschen – der Architekt Michael Maltzan baut in Los Angeles Oasen unserer Zukunft.

Villa der Künstler Lari Pittmann und Roy Dowell in Los Angeles
Der amerikanische Architekt Michael Maltzan im Porträt
Der vielleicht wichtigste amerikanische Architekt der Gegenwart: Michael Maltzan© Foto Ron Eshel

Es ist eine erstaunliche Villa, die da im Norden von Los Angeles steht, mit weitem Blick über die Stadt, wie ein Raumschiff, das gerade gelandet ist. Man fährt eine alte Teerstraße hinauf und sieht ein weißes Oktogon. Nach außen wirkt es abweisend – aber dann ist drinnen alles anders. Das Haus faltet sich mit viel Glas zur Stadt hin auf. Es ist eine besondere Kunst, wie es Michael Maltzan gelingt, in dieser Villa, die er 2009 für die Künstler Lari Pittman und Roy Dowell baute, die beiden Grundqualitäten eines Hauses zu vereinen: Einerseits den Schutz, den es bieten muss, andererseits die Öffnung zur Welt. Man kann in diesem Haus nackt herumlaufen, ohne gesehen zu werden und gleichzeitig den Blick auf die glitzernden Lichter von Los Angeles genießen.

Doch dieses Haus allein hätte Michael Maltzan nicht zum wichtigsten amerikanischen Architekten der Gegenwart gemacht. Das besorgten seine Entwürfe für Kinder aus sozialen Brennpunkten und seine Bauten für Obdachlose. Michael Maltzan steht wie kaum ein anderer für eine soziale Wende in der Architektur – für den Glauben, dass Architektur für alle da ist und nicht nur für eine Elite von Menschen, die das Geld haben, sich an teuren Villen oder extravaganten Museumsbauten zu erfreuen.

Ein besonderer Architekt

Maltzan studierte in Harvard und kam 1988 von der amerikanischen Ostküste nach Kalifornien, um bei Frank Gehry zu arbeiten. Viele junge Architekten in dessen Büro träumten davon, wie ihr Lehrer mit Entwürfen für Museen oder Konzerthallen berühmt zu werden. Und vielleicht wäre auch Maltzan diesen Weg gegangen, hätte ihm nicht der Zufall einen anderen Auftrag vor die Füße gespült. Es sollte das Inner City Arts errichten, eine außerschulische Kultureinrichtung für Kinder aus sozial gefährdeten Familien. Was Maltzan dann 2008 ablieferte, machte ihn schlagartig bekannt: Es war eine kleine Gruppe aus weißen Bauten mitten in der Stadt, eine Art Dorf, in dem nichts an das Elend draußen erinnert. Für diese Architektur gewann Maltzan zahlreiche Preise und die Fachpresse staunte: Da war es jemandem gelungen, mit einfachsten Mitteln eine warme und einladende Atmosphäre herzustellen. Die Anlage erinnert an ein luxuriöses Hotel oder eine edle Privatresidenz – aber es war ein Haus für die Ärmsten des Landes.

Michael Maltzan

Mehr Informationen zu Architekt Michael Maltzan und seinen Projekten finden Sie unter

mmaltzan.com
„Ich will Gebäude entwickeln,
die ästhetisch und emotional
befriedigen und den Rahmen
für einen modernen,
urbanen Lebensstil bilden.”
Michael Maltzan

Wie sieht das Wohnen der Zukunft aus?

Es folgten Bauten für den Skid Row Housing Trust, der in Downtown Los Angeles Unterkünfte für Obdachlose baut. Für die Stiftung errichtete Maltzan die Carver Apartments (Fotos), einen Rundbau am Freeway 10, der von außen wie ein riesiges Stacheltier aussieht. Innen gibt es einen Hof und auf dem Dach eine gemeinsame Terrasse, wie man sie sonst nur in teuren Hotels findet. Sie gibt den Blick auf die Stadt frei und sorgt im Wortsinn dafür, dass Obdachlose eine Perspektive bekommen. Die Schönheit des Bauwerks, das ästhetische Erlebnis, dient dazu, den Menschen ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben.

Maltzans bisher spektakulärster Bau aber ist der Star-Apartment-Komplex mit 102 Wohneinheiten, Gemeinschaftsküche, Basketballfeld, Fitnessstudio, Bücherei und Gemeinschaftsgärten. Der Bau, der aus vorgefertigten Elementen produziert wurde, hat im Erdgeschoss eine Gemeinschaftszone, in der die früheren Obdachlosen sich mit potenziellen Arbeitgebern treffen können, wo sie Zeit verbringen und Zugang zum Internet haben – denn auch das vergisst man schnell: Wer sein Haus verliert und seine Kreditkarte, ist von Jobsuche und Kommunikation abgeschnitten.

Maltzan baut Häuser wie kleine Städte

Vielleicht ist Maltzans Idee einer „Architektur für alle“ auch etwas typisch Amerikanisches. Denn die meisten im Land haben Vorfahren, die einst vor Hunger und Verfolgung in die Neue Welt flohen. Maltzans Häuser richten sich aber nicht nur an die Ärmsten. Er baut auch Apartmenthäuser für den Mittelstand. Und die stellen die Lebensentwürfe wie man sie seit den 50er-Jahren kennt, in Frage. Jede Familie kaufte sich einen Bungalow und mindestens zwei Autos, um aus den Suburbs zur Arbeit zu kommen. Seither wird ein Großteil des Einkommens für Miete, Kredite und Autos ausgegeben. Könnte das auch anders aussehen? Könnte man ein entspannteres Leben führen, wenn man Dinge und Räume teilt und mitten in der Stadt wohnt? Maltzans gebaute Antworten stehen für ein grundlegend neues Raumdenken. Statt eine Stadt in Straßen, Plätze und Wohnungen zu unterteilen, baut er Häuser wie kleine Städte. Mikrodörfer, in denen Nachbarn eine Ersatzfamilie bilden können für das Kind, dessen Vater von Montag bis Freitag in einer anderen Stadt arbeitet.

Los Angeles gilt als Wiege der modernen Architektur

Richard Neutra, Rudolph Schindler, Pierre Koenig oder John Lautner beeinflussten mit ihren Bauten eine ganze Generation von Architekten. Sie begründeten ab den 1920er Jahren den kalifornischen Stil, der für große Leichtigkeit und Transparenz steht – und die Westküstenarchitektur bis weit in die 1960er Jahre prägte.

Inner City Arts Campus in Los Angeles
Leuchtturmprojekt: Mehr als 10.000 gefährdete Jugendliche pro Jahr finden im Inner City Arts Campus (weißer Komplex, Foto) Möglichkeiten zur Kunstgestaltung. © Foto Getty Images
New Carver Apartments in Los Angeles
Optimismus strahlt auch das Innere der New Carver Apartments aus.

In den Häusern können aber auch unkonventionelle „postfamiliäre Gruppen“ leben. Der Anteil traditioneller Familien an der Bevölkerung liegt in vielen Städten mittlerweile unter dreißig Prozent. Dass vielleicht ein Rentner oder ein alleinerziehender Vater gar nicht in einer Singlekiste, sondern lieber in anderen Strukturen leben möchte, wird von vielen Bauherren und Architekten nicht bedacht. Doch diese Personen sind keine Sonderfälle, sondern Teil einer neuen Bevölkerungsmehrheit. Über Jahrhunderte waren „erweiterte Familien“ ohnehin der Normalfall: In einem Handwerkerhaus lebte die Kernfamilie eng zusammen mit Knechten und Mägden, Lehrlingen und wechselnden Gästen. So gesehen sind die futuristischen weißen Dörfer, die Maltzan im Niemandsland von Los Angeles anlegt, auch eine Erinnerung an eine uralte Lebensform, die vielleicht auch unsere Zukunft ist.

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